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Aminata Belli: "Mama ist auch nur ein Mensch"

Aminata Belli
Mama ist auch nur ein Mensch
„Was will ich im Leben?“, „Machen mich die Menschen, mit denen ich mich umgebe, wirklich glücklich?“, „Bin ich glücklich?“, „Mag ich mich?“, „Gibt es etwas, das ich ändern sollte?“, –– diese Fragen stellt man sich doch häufig. Auf jeden Fall sollte man dies, um ein erfülltes, glückliches Leben zu führen oder dem zumindest ein wenig näher zu kommen. Fragt ihr euch eigentlich auch mal, wie es mit der Mutter-Tochter-Beziehung aussieht? Ich nicht. LOV hat mich gefragt. Also habe ich nachgedacht. Und ich wünsche mir, dass ihr, die diese Worte nun lest, auch ein paar Gedanken dafür übrig habt. Nicht nur, weil Muttertag ist.
Die Beziehung zur Mutter ist wahrscheinlich die komplexeste, einfachste, härteste und natürlichste der Welt. Sie beginnt mit bedingungsloser Liebe, absolutem Vertrauen, hat dann eventuelle Ausbrüche in Hass, Unausgeglichenheit, Misstrauen, Ärger und findet sich dann wieder mit totalem Verständnis und großartiger Zugehörigkeit. So war es zumindest bei mir und meiner Mama. Bis zur Mittelstufe hat Mama immer recht. Klar, ist ja die Mama. Die weiß alles. Denkt man, bis die Hormone klingeln und einem einen fetten Strich durch die Mama-Rechnung machen.

Mit der Pubertät kommt wahrscheinlich die schlimmste Zeit für jede Frau, die etwa 13 Jahre vorher mit ihrer gesamten Energie dafür gesorgt hat, dass man überhaupt das Licht der Welt erblickt. Mama hat ab sofort erstens immer Unrecht, ist zweitens der Feind und versteht einen drittens sowieso nicht. Dann Abi, Studium, die erste große Liebe und hin und her. Mama bekommt wenig Raum — gedanklich und physisch. Wer hat schon Zeit für die Mutter, wenn so viel aufregende Dinge passieren? Ich hatte keine. Das weiß ich aber erst rückblickend. Rückblickend — da kommt die wichtigste Phase.
Denn plötzlich wächst man selbst zur Frau heran. Lernt sich selbst besser kennen. Lernt Freundschaften besser kennen. Lernt das Leben besser kennen. Man versteht die Welt, sieht sie mit anderen Augen, hat diese scheußliche Pubertät überwunden, in der man nicht nur sich selbst gehasst hat, sondern generell alles. Da kommt der Geistesblitz: Mama ist auch nur eine Frau. Eine Frau mit Fehlern und Macken, eine Frau mit Gefühlen. Eine Frau, die ihre eigene Stärke erstmal erkennen muss, um sie dann wiedergeben zu können. Jemand, der selbst geliebt und geweint hat, der selbst durch die Pubertät gegangen ist, der selbst Kind war und ist. Jemand, der erzogen hat und sich den großen Fragen des Lebens stellen musste und muss, ohne jemals die richtige Antwort zu kennen. Jemand, der an seinen Aufgaben wächst. Eine Frau wie du und ich. Das habe ich vergessen. Vielleicht wusste ich es auch einfach nie.
Meine Mama war immer stark, ist stark wenn ich schwach bin.
Weiß meistens alles, hat immer einen Rat. Mamas sind, so glaube ich, meistens eine Art Kunstfigur, wie Michael Jackson, Prince oder Oprah Winfrey. Eine Person, bei der man vergisst, dass auch sie Gefühle hat. Dass auch sie den Vater einst kennen gelernt hat, Liebeskummer ertragen musste und mit vielen Fragen und großer Aufregung durch die Schwangerschaft gegangen ist. Eine Mutter ist nicht als Mutter geboren. Frauen werden zu solchen. Und genau das zu sehen, bei meinen Freundinnen, Bekannten und Verwandten, die jetzt selbst genau das erleben, hat mir die Augen geöffnet. Das sagt mir, dass ich die bedingungslose Liebe meiner Mutter noch mehr schätzen sollte, aber mir dennoch klar sein muss, dass meine Mama auch nur eine Frau ist. Und genauso werde ich auch eines Tages eine Mutter sein.